Dollars for Docs

Das US-Pendant zu Correctivs „Euros für Ärzte“ Geschichte heißt „Dollars for Docs“. Das Recherchezentrum ProPublica hat das Projekt entwickelt.

Wer die deutsche mit der US-Seite vergleicht, sieht, dass dort deutlich höhere Summen gezahlt werden. Dort verdienen die Top-3 der erfassten Ärzte etwa das Hundertfache (es stehen 43,9, 28,5 und 24 Millionen in den USA gegen 200, 148 und 123 Tausend in Deutschland).

Aber gerade die extreme Höhe der Zahlung sollte davor warnen, die blanken Zahlen als Messgröße der Beeinflussung zu werten. Das ist auch die Haltung des Vorstands des Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Im Zuge der Correctiv-Veröffentlichung sagte er: „Außerdem gilt es klarzustellen, dass durch die Veröffentlichung der Höhe einer Zuwendung noch keinerlei Aussage über die zugrundeliegende Vereinbarung getroffen werden kann. Zuwendungen werden nur auf Basis von entsprechend vertraglich geregelten Modalitäten gezahlt. Ohne die gleichzeitige Einsicht in die dazugehörigen Vertragsinhalte und die Dokumentation der Erfüllung der selbigen besteht keine wirkliche und umfassende Transparenz. Eine objektive und wahrheitsgemäße Bewertung von Geschäftsbeziehungen ist so nicht möglich.“

Der deutsche Top-Verdiener Hans Christoph Diener sagte Correctiv zum Beispiel, dass der Großteil seiner Zusatzeinnahmen nicht in die eigene Tasche fließt. Vielmehr finanziere er damit Forschungsstellen an einem von ihm gegründetem Institut. Grundsätzlich eine sinnvolle Sache. Durch seine Formulierung (ein Großteil) bleibt aber offen, ob er 100 000 oder 50 Euro einstreicht. Transparenz geht anders.

Auch bei den Top-Verdienern in den USA werden Teile der Gelder in Forschungsprojekte oder Institute fließen. Auch weil dort eine privatwirtschaftliche Finanzierung von universitärer Forschung viel üblicher ist als hierzulande. Was man davon halten mag, sei dahingestellt. Aber auch in diesem Fall drängt sich die Frage auf: Wie groß ist der Anteil?

Am Ende lohnt es sich aber gar nicht, mit dem Finger auf die Top-Verdiener zu zeigen. Denn, so zeigt eine Analyse von ProPublica, schon ein Essen reicht aus, um einen Arzt für ein Firmenprodukt zu gewinnen. Diese Erkenntnis sollten sich übrigens auch Journalisten zu Herzen nehmen.

Correctiv: Euros für Ärzte und der Nachfass

Nicht nur hat Correctiv mit seiner Recherche “Euros für Ärzte” ein wichtiges Thema in die Öffentlichkeit gerückt, das Investigativ-Team glänzt auch in der Nachbereitung.

Es folgten in den Tagen nach der Veröffentlichung zwei Texte, die besonders die Arztperspektive im Fokus hatten. Was man nun von dieser halten mag, sei jedem selbst überlassen. Zu finden sind die Stücke hier und hier.

Darüber hinaus gab es auch schon ein Vorspiel: Bereits am 9. März 2016 schrieb Markus Grill in seinem Artikel “Die Schein-Forscher” über Zahlungen der Pharmaindustrie an Ärzte. Damals ging es um sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Das sind wissenschaftlich praktisch wertlose Studien. Die Firmen ließen sie besonders bei Präparaten mit zweifelhaftem Kosten-Nutzen-Verhältnis durchführen. Der Verdacht: Die Ärzte sollen sich durch die Schein-Studien daran gewöhnen, die Präparate zu verschreiben.

Auch hier folgte die Nach- beziehungsweise Vorbereitung: Mit den Artikeln “Die Pharmaindustrie hat weiter freie Hand” und “Die Daten hinter den Anwendungsbeobachtungen”.

„License to Betray“ Wie Ärzte ihre Patienten missbrauchen – und damit davonkommen

Davon berichtet die Atlanta Journal-Constitution (AJC) in einem langen Text, der auf einer umfassenden Recherche fußt. Die AJC ist die wichtigste Tageszeitung der Region Atlanta, Georgia, in den USA.

In der Geschichte „License to Betray“ geht es um sexuelle Übergriffe durch Ärzte. Problematisch ist dabei nicht deren absolute Zahl, denn ein großer Teil der knapp eine Million Ärzte in den USA lässt sich nie etwas zuschulden kommen. Zumindest nichts in diesem Kontext relevantes.

Für seine Recherche hat das Team der AJC Akten aus über 15 Jahren – und 50 US-Bundesstaaten – ausgewertet. Eine akribische Arbeit, die 3100 Disziplinarverfahren wegen sexuellen Fehlverhaltens zutage förderte. Davon betrafen 2400 Fälle, bei denen Patienten involviert waren. Klar ist: Die Dunkelziffer wird noch weit höher liegen. Viele Betroffene schweigen. Auch das konnten die Rechercheure der AJC zeigen.

Die reinen Zahlen sind aber nicht das eigentliche Problem. Es ist der offizielle Umgang mit den Fällen: Viele der verurteilten Ärzte praktizieren noch immer. Die Patienten wissen meist nicht bescheid. Die großen Standesorganisationen negieren das Thema. Sie sprechen von seltenen Einzelfällen. Dass es sich dabei um ein strukturelles Problem handeln könnte, lehnen sie kategorisch ab.

Das ist besonders problematisch, weil das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ein besonderes ist: Selten erleben wir im Alltag ein so großes Machtgefälle. Gerade darum ist Vertrauen so wichtig und wiegt dessen Missbrauch so schwer. Die Recherche hat Sicherheit genommen. Nur eine gute Aufklärung der Fälle kann sie zurückgeben. Das ist jetzt Aufgabe der Ärzteschaft.

Das Team der AJC hat Teile seiner Recherchen auf Video festgehalten. Die Szenen verdeutlichen das Ausmaß der Übergriffe noch einmal. Außerdem bekommst Du hier spannende Eindrücke in die Recherche.

MedizinInvestigativ – Das wollen wir!

Pharmafirmen kaufen Ärzte, Naturmittelhersteller frisieren Studienergebnisse und Krankenkassen feilen an ihren Bilanzen. Auf der Strecke bleiben dabei der Patient und alle ehrlichen Arbeiter im Gesundheitswesen. Viele Medien sind dabei eher Sprachrohr statt Kritiker der Mächtigen. Diese Seite will das ändern. In den kommenden Monaten wollen wir hier die Ergebnisse investigativer Recherchen im Gesundheitswesen veröffentlichen. Teils werden das spannende Arbeiten anderer Recherchegruppen sein und teils eigene Projekte. In Kürze mehr!

Euer Team von MedizinInvestigativ